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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wieso ist ein Objektiv scharf?



scheurin
21.10.2007, 10:07
... bzw. unscharf. Was macht das 200 1,8 so extrem gut, das 300 2,8 wieder nicht so, das 400 2,8 wieder schon und 500 / 600 auch? Das 50 1,4 schon, das 50 1,2 eher nicht so (gut, das wird noch diskutiert). Das muss doch einen Grund haben, jetzt abgesehen vom IS.

Ich kann da ueberhaupt keinen Trend erkennen. Wie sieht es dann aus mit dem neuen 200/2?

Artefakt
21.10.2007, 11:09
Hallo!

Das hat mit vielen Dingen zu tun. Hier ein paar Beispiele (Bitte nicht in der Luft zerreißen, weil es unwissenschaftlich ist - es soll nur die Komplexität verdeutlichen): ... mit dem Typ des Objektivs (klassische Konstruktion, Retrofokus ...) ... Brennweite (Weitwinkel sind schwieriger zu konstruieren als Teleobjektive) ... Verhältnis von Brennweite zu Lichtstärke (je lichtstärker ein Objektiv, desto schwieriger sind besonders die Randbereiche zu korrigieren) ... Festbrennweite zu Zoom (Beim Zoom soll/muss die Abbildungsleistung stufenlos über einen großen Brennweitenbereich optimiert werden) ... der Einsatz von asphärischen (d.h. von der Kugelform abweichenden) Linsenoberflächen (zum Steigern der Abbbildungsleistung bei Extremobjektiven) ... der Einsatz von apochromatischen und anderen Spezial-Gläsern für die Linsen (damit z.B. Farbsäume minmiert werden, da jeder Farbanteil des weißen Lichts eine andere Wellenlänge und damit einen etwas anderen Fokuspunkt hat, der Unschärfe verursacht) ... der Zeitpunkt der Konstruktion (bis zur "Erfindung" der computergestützten Konstruktion haben findige Optiker, Physiker usw. die Linsen berechnet und nun gibt es auch immer wieder Verbesserungsschritte in der Konstruktion, die bisher unmögliche Objektive erst möglich machen) ... nicht unwichtig: der Kompromiss zwischen Leistung, Gewicht, Lichtstärke, Robustheit und (!) Preis (was nützt das tollste Objektiv, wenn es sich keiner mehr leisten kann/will) ... stammt eine Objektivkonstruktion aus der Ära vor oder nach Erfindung der Digitalfotografie (besodners einige fixe Teleobjektive stammen wohl noch aus der "alten Zeit" ... es "harmonieren" seltsamerweise auch ganz unterschiedliche Linsen mit unterschiedlichen Chips (die unterschiedlichen Chip-Größen bzw. Auflösungen verschärfen das Problem - früher waren alle Linsen für Vollformat und Filmoberfläche gerechnet ... Linsen, die an analogen Kameras Spitze waren, müssen nicht unbedingt an der DSLR auch so sein ...) ...und und und ... Es ist also von diesen und noch viel mehr Dingen abhängig.

In abgeschwächter Form war das zu FD-Zeiten in den 70er und 80er Jahren auch so: Das 4/80-200-Zweiringzoom war zur damaligen Zeit legendär - in der Frühzeit der Zoom-Konstruktionen. Das 2,5/135 S.S.C. war die schärfste Optik, die ich je hatte - da konnte noch so ein Gegenlicht bei einem Portrait sein - jedes Haar war einzel erkennbar und gestochen scharf.

Die Serienstreuung, d.h. die Produktionstoleranzen, die durch Preiskämpfe, Produktionsauslagerungen, mangelnde Kontrolle verursacht werden, kommen dann noch dazu ...

Und nicht zu vergessen: Die Kunden bzw. die Marketingabteilungen "schreien" nach Linsen-Konzepten, die sich mit einem vertretbaren Aufwand (=Preis) eigentlich nicht realisieren lassen, obwohl die Idee gut wäre (z.B. das 24-105 L IS, das an der 5D das ideale Standardobjektiv wäre, aber an mein 2,8/28-70L nicht annähernd heranreicht. Vielleicht hätte das 24-105 noch etwas mehr kosten sollen, dafür aber kompromisslos gut sein müssen).

Gruß, Dietmar

www.abcdesign.at (http://www.abcdesign.at)

Stereohans
21.10.2007, 11:20
Hallo Kim,

mal schauen, ob ich es noch einigermaßen zusammenbringe: Schärfe hängt von der Auflösung und der Präzision ab. Im Idealfall wird jeder Punkt des Bildes auf einen Punkt am Sensor/auf der Filmoberfläche abgebildet. Punkte, die außerhalb der Schärfeebene liegen, werden als mehr oder weniger große und regelmäßige Scheiben abgebildet. Jede optische Konstruktion macht bei dieser Grundvorgabe mehr oder weniger große Fehler und bildet auch in der Schärfeebene Punkte "breiter" ab, als sie sollte. Diese Tendenz wird durch kluge Rechnung, heute auch durch Verwendung besonderer Glassorten und Computer-Schliffe (Stichwort Asphären) möglichst gering gehalten. Das Optimum wird man nie erreichen, man nähert sich ihm aber möglichst weit an. In den L-Optiken steckt viel Entwicklungsarbeit und die Königsklasse optischer Gläser. Dazu kommt (Stichwort Präzision) eine möglichst genaue Fertigung und Kontrolle von Faktoren wie Linsenzentrierung und Auflagemaß sowie Autofokus (der immer wichtiger wird, weil die neuen, hochauflösenden Sensoren bereits kleine Abweichungen in der Scharfstellung sehr übel nehmen). "Schärfe" ist also ein Zusammenspiel vieler, auf die Spitze getriebener Faktoren. Außerdem teilt sich die Optikwelt in gute und weniger gute Rechnungen, weshalb etwa Leitz (Leica) jahrelang auf Weitwinkel-Konzepte von Carl Zeiss in Lizenzfertigung vertraute, weil die firmeneigenen Optiker das Thema "Weitwinkel" einfach nicht so gut beherrschten. Unterschiedliche Brennweiten werfen übrigens auch unterschiedliche Probleme in der Korrektur der Abbildungsfehler auf und ganz übel wird es bei Zooms, bei denen die heutige Qualität (etwa des 70-200/2,8) nur durch Einsatz moderner Computertechnik von der Berechnung bis zur Fertigung möglich wurde.
Die Physiker unter euch mögen die Kurzfassung in Populärwissenschafts-Stil verzeihen, aber ansonsten hätte ich seitenweise zitieren müssen, wozu das Forum wohl nicht gedacht ist.

Gruß, Hans

Maik Fietko
21.10.2007, 12:00
Als Faustregel kann man sagen der Preis spielt eine grosse Rolle. Das 2,8/300 is sehr scharf, keine Ahnung ob es so scharf is wie das 1,8/200. Das 1,4/50 is sicher nicht besser als das 1,2/50.

scheurin
21.10.2007, 12:06
Hm, was ist dann aber beim 300er schiefgelaufen? Rechenfehler?

Maik Fietko
21.10.2007, 12:08
Beim 300er is nix schiefgelaufen, das Teil is sehr scharf.

scheurin
21.10.2007, 12:21
Wenn man das Archiv hier und in anderen Foren konsultiert, dann ist die allgemeine Meinung wie in meinem ersten Beitrag beschrieben. Ich selbst kenne das 300er nicht, da ich zur Zeit im Bereich 200-300 noch eine extrem gute FB suche. Fuer "sehr gute" Aufnahmen reicht das 28-300 vollauf. Darum die Hoffnung, dass das neue 200er eher beim alten 200 1,8 als beim 300er liegt - auch mit Konvertern, wo das 300er ja nicht so toll sein soll. Das 200/2 ist ja ein 280/2,8; 340/3,4 oder 400/4, wenn es mal sein muss...