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Thema: Portraits: Wie wurde hier beleuchtet?

  1. #1

    Standard Portraits: Wie wurde hier beleuchtet?
    Thread-Eröffner

    Freunde des Lichts,

    sowohl Portraits als auch künstliches Licht sind mir ja beides etwas suspekt – aber man ist ja nie zu alt was neues zu lernen Über folgende Bilder bin ich im Internet gestolpert und wollte euch als Experten mal fragen, wie sie wohl beleuchtet wurden:

    http://web.archive.org/web/201607271.../jimmysaysy.es

    1. Vor allem die Protagonisten bzw. deren Hände (erstens und letztes Foto auf der Seite): Wieviele Blitze waren hier wohl im Spiel? Und von wo? Mit welcher Art von Lichtformern?
    2. Aber auch der Hintergrund. Wenn er nicht nachträglich freigestellt wurde, der kommt mir auf allen Fotos gar so clean und gleichmäßig vor. Helligkeit/Farben sind von Bildeck zu Bildeck nahezu (aber nicht ganz…) identisch. Wenn es echt ist: Wie bekommt man diese großflächig und gleichmäßig verteilte Helligkeit hin?

    Über ein eure fachkundige Einschätzungen und Tipps würde ich mich freuen!

  2. #2
    Full-Member Avatar von f:11
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    Standard AW: Portraits: Wie wurde hier beleuchtet?

    Zitat Bezug auf die Nachricht von Benoir Beitrag anzeigen
    Vor allem die Protagonisten bzw. deren Hände (erstens und letztes Foto auf der Seite): Wieviele Blitze waren hier wohl im Spiel? Und von wo? Mit welcher Art von Lichtformern?
    Wenn wir nur von den Leuten reden: Zwei großflächige Lichtquellen, man sieht deren Reflexe in den Augäpfeln. Eine Lichtquelle von (Kamera-) rechts in etwa 50°/30° von oben und rechts auf den Herrn, relativ nahe (der Kopfschatten weist drauf hin), eine zweite sehr mittig, sehr nah an der Kamera, relativ nah an der Dame (der Reflex im rechten Auge ist größer als im linken). Die zweite Lampe ist kleiner aber näher, eventuell ein Beauty Dish oder eine kleine Okta oder auch ein Para. Position würde ich unter 40° von oben und recht nah rechts von der Kamera (10°) vermuten. Ein großer Reflektor (weiße Wand) links nimmt den zu erwartenden harten Schatten von ihrem Kopf und sorgt für einen sehr geringen Kontrast. Die Schattenkanten sind relativ hart, aber mit dem Reflektor wurden die Schatten stark aufgehellt. Wahrscheinlich standen links und rechts knapp außerhalb des Kaders zwei große Reflektoren ("V-flats"), was man am Bild von den Schädeln gut zu sehen bekommt.

    Zitat Bezug auf die Nachricht von Benoir Beitrag anzeigen
    Aber auch der Hintergrund. Wenn er nicht nachträglich freigestellt wurde, der kommt mir auf allen Fotos gar so clean und gleichmäßig vor.
    Na ja, großes Studio, zwei sehr flächige Leuchten von links und rechts auf einen weißen Hintergrund und sorgfältige Lichtmessung … Mit wie viel Wumms der Hintergrund weiß geblitzt wurde, sieht man am Spill auf den Wangen der Leute -- die waren nicht sehr nah dran. Mit einer nicht zu offenen Blende geht der Hintergrund in die Unschärfe, was die Gleichmäßigkeit erhöht und wenn notwendig kann man immer noch etwas nachpinseln.

    Zitat Bezug auf die Nachricht von Benoir Beitrag anzeigen
    Wenn es echt ist: Wie bekommt man diese großflächig und gleichmäßig verteilte Helligkeit hin?
    Durch Ausnutzen der Physik: Führungslicht für (an KB) f:5.6 setzen (Kamera rechts), Fülllicht 1/2 Blende drunter und den Hintergrund je nach Entfernung max. 1/3 über einleuchten.
    Die Anordnung hilft natürlich sehr -- ihr schwarzes Shirt setzt die linke Grenze, er macht das mit der Hautfarbe.

    Beim Bild mit Stiefel und Handschuh sieht man übrigens sehr schön, dass auch der Boden weiß gewesen sein dürfte (Die Sehne ihres Oberschenkels, die eigentlich im Schatten liegen müsste, bekommt einen Reflex von der mittigen Leuchte (Okta oder BD …) über den Boden), also wahrscheinlich ein recht großes Studio mit Hohlkehle. Bei einigen Bildern sieht man deutlich, wie flach die Kontraste eingestellt waren und wie offen die Blende war, es vignettiert schon ordentlich. Die beiden Schädel stehen im gleichen Licht und zeigen mit den Reflexionen noch deutlicher, wo das Licht herkommt.

    Insgesamt wurde das Licht sehr exakt eingemessen und sehr weit nach rechts belichtet -- da hat jemand gewusst, was er tut. Die typischen Amateurbilder sind meist viel zu knapp belichtet, was dann ein muffigeres Gesamtbild ergibt. Wenn man keinen Belichtungsmesser hat und/oder bedienen kann, sollte die Überbelichtungswarnung im Display gerade zu blinken beginnen, um wirklich das gesamte Licht zu nutzen und auch die Schatten knackig zu halten. Dann bleibt auch genug Raum, um mit D&B die Kontraste etwas dramatischer zu rechnen, wenn das notwendig wäre. Aber ich denke, man sollte als Fotograf schon recht nah an dieses Ergebnis ohne viel Nachbearbeitung herankommen. Details, wie den etwas nachgedrehten Ring für den schöneren Winkel, sollte man klarerweise im Blick haben -- ein Assi oder eine Visa zum Umsetzen der Anweisungen ist immer sehr hilfreich …

    Alles in allem ein sehr einfaches und standardisiertes Lichtsetup, das auf die weiße Sitzkiste gestellt wurde und den Akteuren Raum für Bewegung gibt, ohne dass man ständig Lichtformer nachschieben muss. Je größer die Location, desto besser, und die Brennweite war auch auf der eher längeren Seite, was hilft, den Hintergrund zusammen zu halten und unscharf werden zu lassen. Die Blende war etwa f:5.6 (wenn es KB war), man sieht an den Händen, wie die Schärfentiefe bei dem Maßstab schon seicht wird. Die Hände hat man deutlich näher an den Lichtformer gebracht, wie der Glanz am Ring und an seinem Unterarm bei gleichzeitig starkem Lichtabfall (Armschatten) andeutet. Das könnte auf ein BD-artiges Licht (am Galgen?) in der Mitte deuten (Joël Grimes lässt grüßen
    Geändert von f:11 (16.04.2017 um 08:49 Uhr)

  3. #3

    Standard AW: Portraits: Wie wurde hier beleuchtet?
    Thread-Eröffner

    Wow, ganz herzlichen Dank für die detaillierte Analyse! Ich hab's mit Hausmittelchen tatsächlich so in die Richtung hinbekommen - sogar einen ziemlich gleichmäßigen Hintergrund ohne extra Hintergrundblitze (wahrscheinlich eher Glück ).

    Vielen Dank!

  4. #4
    Full-Member Avatar von Blende 9
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    Standard AW: Portraits: Wie wurde hier beleuchtet?

    Die Bilder sind zwar nicht mein Geschmack oder Stil, aber bei der Ausleuchtung habe ich mich auch gewundert.
    Ganz herzlichen Dank für die mehr als fachkundige Rekonstruktion.

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